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Time . Space . Existence
Von Peter Lodermeyer
I.
Zeit, Raum und Existenz gehören zu den ganz großen
Themen – zu groß, als dass man sich einbilden könnte, damit jemals zurande zu
kommen, und viel zu dicht an uns selbst, als dass wir ihnen jemals entkommen
könnten, sei es im Denken oder im Handeln, im Leben oder in der Kunst.
Es gibt offenbar keine Themen mehr, die der Kunst grundsätzlich
verschlossen wären. Die nachantike Kunst in Europa war über Jahrhunderte mehr
oder minder auf (oft untrennbar miteinander verzahnte) religiöse und politische
Sujets beschränkt. Im Laufe der Neuzeit wurde das Feld der thematischen
Möglichkeiten zunehmend erweitert, man denke nur etwa an die Entwicklung von
Landschafts- und Porträtmalerei im 15. und 16. Jahrhundert. Die akademische
Kunsttheorie war angesichts dieser Entwicklung stets darum bemüht, eine
strenge, letztendlich ontologisch begründete Hierarchie der kunstwürdigen
Themen aufrechtzuerhalten. Die Kunst der Moderne lässt sich geradezu definieren
durch den Anspruch, den Geltungsbereich des Künstlerischen mit aller Macht
auszudehnen und diese Hierarchie umzustürzen. Wer auf die Entwicklung der Kunst
in den letzten hundert Jahren zurückblickt, wird den Ehrgeiz der Künstler
erkennen, die Grenzpfosten immer weiter „außen“ einzurammen und das zuvor noch per
definitionem aus der Kunst Ausgeschlossene
kunstfähig zu machen. Was kam mit der Moderne nicht alles in die Kunst: Exotik,
das Unbewusste, Blasphemie, Absurdität, das Irrationale, das Immaterielle,
industriell Vorgefertigtes, die Technik, Elemente der Trivialkultur wie
Werbung, Pornografie, Alltagsgegenstände… usw. usw. – und nicht zuletzt: reine
Formen ohne jeden Anspruch auf gegenständliche Lesbarkeit. Vor allem aber: die
Kunst selbst. Die Fragen danach, was Kunst ist, wie sie wahrgenommen wird, was ihre Besonderheiten, ihre Funktionen, ihre
gesellschaftlichen Kontexte sind usw., wurden insbesondere ab den 1960er-Jahren
zunehmend im Medium der Kunst selbst thematisiert.
Kunst und Leben
zur Deckungsgleichheit bringen zu wollen ist eine moderne Utopie, die in
vorausgegangenen Jahrhunderten nicht einmal denkbar war. Aufgrund der
soziologischen Verwerfungen während des 20. Jahrhunderts gibt es nicht mehr eine mehr oder weniger
homogene kulturtragende Schicht wie das gehobene Bürgertum im 19. Jahrhundert;
es sind längst unterschiedlichste Gruppen, und das heißt: Interessen,
Denkweisen, Ästhetiken, die sich heute künstlerisch manifestieren. Dazu kommt
noch die Tatsache, dass sich die Aufmerksamkeit auf die Kunst mehr und mehr aus
ihrem Euro-/Ameriko-Zentrismus löst und künstlerische Leistungen aus Asien,
Südamerika, Afrika und Australien mit ihren spezifischen kulturellen
Hintergründen und Perspektiven international wachsende Beachtung finden. Die
Vielfalt der Kunstszenen (es gibt deren weit mehr als nur eine) wird von
manchen Kritikern als Ausdruck der fortschreitenden Pluralisierung der
Gesellschaften begrüßt, von anderen als unübersichtliche und allzu oft ins
Beliebige abgleitende Konfusion unserer postmodernen (oder, eher noch,
post-postmodernen) Situation beklagt. Dabei darf man jedoch nicht vergessen,
dass diese Ausdifferenzierung zugleich von dem gegenläufigen Prozess der
ästhetischen Normierung im Gefolge der massenmedial verstärkten Globalisierung
konterkariert wird.
In dieser
verwirrenden Situation Orientierung zu suchen und nach den allgemeinsten Themen der Kunst
zu fragen, scheint daher eine sinnvolle Unternehmung. Diese Frage steht im
Zentrum des Projekts Personal Structures: Time . Space . Existence. Von der
Literatur als Kunstform wurde oft gesagt, es gebe für sie eigentlich nur zwei
große Themen, die Liebe und den Tod (vielleicht sollte man auch das Streben
nach Macht noch erwähnen). Was aber wären die Grundthemen dessen, was man nur
noch widerstrebend mit dem schon anachronistisch anmutenden Begriff „Bildende
Kunst“ bezeichnen möchte? Gibt es grundlegendere Themen als Raum, Zeit und
Existenz? Wem etwa noch Form, Farbe, Licht oder Material in den Sinn kommen,
sollte bedenken, dass kein mögliches Beispiel dieser Entitäten vorstellbar ist,
das nicht in Raum und Zeit… existierte.
II.
Zeit, Raum und
Existenz scheinen zunächst in die Zuständigkeit der Philosophie zu fallen. Ein
ganz kurzer Blick dorthin ist unverzichtbar, um deutlich zu machen, dass diese
drei Begriffe nicht unabhängig voneinander bestehen, sondern einen inneren
Zusammenhang aufweisen. Hier ist insbesondere an einige zentrale Einsichten von
Martin Heideggers Sein und Zeit von 1927 zu denken, die auch nach mehr als 80 Jahren
nichts von ihrer Relevanz eingebüßt haben (und auch von den späteren
nationalsozialistischen Verirrungen des Philosophen nicht desavouiert sind).
Heidegger versteht unter Existenz insbesondere die dem Menschen eigene Seinsart
des „Daseins“, die sich von dem bloßen Vorhandensein der Dinge und dem Leben
der Pflanzen und Tiere dadurch unterscheidet, dass es dem Dasein in seinem Sein um dieses Sein selbst
geht.“1 Anders gesagt, wir Menschen haben
ein ursprüngliches Seinsverständnis. Das bedeutet zugleich, dass wir in
ständiger Sorge um unser Dasein sind. Die Fähigkeit hoffen, wünschen, bangen,
planen, verzweifeln zu können usw., hat darin ihren Grund. Wir können und
müssen unser Dasein gestalten, für unsere Existenz Sorge tragen, und das vor
dem Hintergrund des Wissens, dass wir unvermeidlich sterben werden. „Sein zum
Tode“ ist eine der wesentlichen Bestimmungen menschlicher Existenz. Heidegger
benennt zu Beginn von Sein und Zeit vorausgreifend das Ergebnis seiner Untersuchungen: „Als
der Sinn des Seins desjenigen Seienden, das wir Dasein nennen, wird die Zeitlichkeit aufgewiesen. […]
Dasein ist in der Weise, seiend so etwas wie Sein zu verstehen.
Unter Festhaltung dieses Zusammenhangs soll gezeigt werden, daß das, von wo aus
Dasein überhaupt so etwas wie Sein unausdrücklich versteht und auslegt, die Zeit ist.“2 Die menschliche Existenzform ist durchweg
zeitlich verfasst, sosehr dass Heidegger in einem Vortrag im Umkreis von Sein und Zeit sagen konnte:
„Zeit ist Dasein. […] Das Dasein ist immer in der Weise seines möglichen
Zeitlichseins. […] Das Dasein ist sein Vorbei, ist seine Möglichkeit im
Vorlaufen zu diesem Vorbei. In diesem Vorlaufen bin ich die Zeit eigentlich,
habe ich Zeit. Sofern die Zeit je meinige ist, gibt es viele Zeiten. Die Zeit ist sinnlos;
Zeit ist zeitlich.“3
Diese letztere Aussage ist besonders wichtig: Es gibt
nicht die Zeit schlechthin, sondern immer „meine“ jeweilige Zeit,
d. h. eine riesige Pluralität von Zeiten. So, wie mein Dasein „jemeinig“ ist,
nicht delegierbar, nicht austauschbar, nicht veräußerbar, so wenig ist es sein
zeitlicher Sinn. Die „Homogenisierung“ der „verbindlichen“, gemessenen
Uhrenzeit ist dagegen eine Idealisierung, „eine Angleichung der Zeit an den
Raum, an schlechthinnige Präsenz; die Tendenz, alle Zeit in eine Gegenwart aus
sich fortzudrängen.“4 Die messbare Zeit ist nicht die gelebte, die erlebte
existenzielle Zeitlichkeit, sondern eine Vereinfachung aus Gründen der
alltäglichen Erfordernisse.
III.
Dass Heideggers Analyse des Daseins nicht nur dessen
Zeitlichkeit aufzeigt, sondern im Kern auch eine Theorie seiner ursprünglichen
Räumlichkeit enthält, ist noch viel zu wenig gesehen worden. Der deutsche
Philosoph Peter Sloterdijk hat dies bemerkt: „Nur wenigen Heidegger-Interpreten
scheint klargeworden zu sein, daß sich unter dem sensationellen Programmtitel
von Sein und Zeit auch eine keimhaft revolutionäre Abhandlung über
Sein und Raum verbirgt.“5 Indem er darauf aufmerksam macht, dass Heidegger Dasein
als „In-der-Welt-Sein“ begreift, wobei das „In“ nicht einfach ein Vorhandensein
in einem „Raumbehälter“ meint, sondern ein komplexes Geschehen von räumlich
verfassten Verhaltungen meint, gewinnt Sloterdijk wichtige Anhaltspunkte für
sein eigenes ambitioniertes Sphären-Projekt, den Versuch einer Darstellung der
vielschichtigen Raumbezogenheit des Menschen.6 Ein Ausgangspunkt sind dabei die §§
22-24 von Sein und Zeit, in denen Heidegger einige Hinweise gibt für eine
existenziale Analyse der Räumlichkeit: „Das für das In-der-Welt-sein
konstitutive Begegnenlassen des innerweltlich Seienden ist ein ‚Raum-geben’.
Dieses ‚Raum-geben’, das wir auch Einräumen nennen, ist das Freigeben des
Zuhandenen auf seine Räumlichkeit. […] Der Raum befindet sich nicht im Subjekt,
noch betrachtet dieses die Welt, ‚als ob’ sie in einem Raum sei, sondern das
ontologisch wohlverstandene ‚Subjekt’, das Dasein, ist in einem urspünglichen
Sinne räumlich. Und weil das Dasein in der beschrieben Weise räumlich ist,
zeigt sich der Raum als Apriori.“7
Ein wichtiger
Unterschied (einer von vielen), in denen Sloterdijk weit über die nur in Ansätzen
entwickelte Raumanalyse Heideggers hinausgeht, besteht darin, dass er Dasein
nicht einseitig als „Sein zum Tode“, sondern immer auch von seiner
„Geburtlichkeit“, seinem Auf-die-Welt-Kommen her betrachtet.8 Dass wir geboren sind und unseren ersten Aufenthaltsort,
den Mutterleib, verlassen müssen, ohne in ein naturhaft vorgegebenes Ambiente
überzuwechseln, ist mehr als eine biologische Tatsache. Es ist ein Existenzial,
das uns dazu treibt, uns in der Welt zu orientieren und einzurichten: als
Wohnen, Zusammenleben, Schaffen von Ordnungen, als Aufenthalte in
hochkomplexen, veränderlichen, ineinander verschachtelten Systemen räumlicher
Umgebungen. „Wenn ‚Leben’ grenzenlos vielfältig räumebildend wirkt“, schreibt
Sloterdijk, „so nicht nur, weil jede Monade ihre je eigene Umwelt hat, sondern
mehr noch, weil alle mit anderen Leben verschränkt und mit zahllosen Einheiten
zusammengesetzt sind. Leben artikuliert sich auf ineinander verschachtelten
simultanen Bühnen, es produziert und verzehrt sich in vernetzten Werkstätten.
Doch was für uns das Entscheidende ist: Es bringt den Raum, in dem es ist und
der in ihm ist, jeweils erst hervor.“9
IV.
Vielleicht gibt es keine Orte einer Wildnis mehr; aber
das Wilde, immer Neue ist noch immer: die Zeit.
Peter Handke, Über
die Dörfer
Space is not only high, it‘s low. It‘s a bottomless pit.
Sun Ra, Space is
the Place
Was ist das, existieren – und nicht wir oder die Welt –
sondern die Existenz an sich?
Fernando Pessoa,
Faust-Fragmente
Insofern wir als „Dasein“ existieren, sind wir auf ursprüngliche Weise
räumlich-zeitlich „in der Welt“. Und somit sind Zeit, Raum und Existenz die uns
nächsten Gegebenheiten - und zugleich, sobald sie sich als sie selbst
aufdrängen, die fremdesten und rätselhaftesten überhaupt. Das „Wilde“, d. h. Unbeherrschbare
und Unverfügbare der Zeit, die bodenlose Abgründigkeit des Raumes und die
Unergründlichkeit von Existenz überhaupt, die in den oben angeführten Zitaten
eines österreichischen und eines portugiesischen Autors sowie eines
afroamerikanischen Free-Jazz-Musikers aufscheinen, sind Erfahrungen, die sich
im Leben immer wieder einstellen. Es gehört zu den genialen Stellen in den
Analysen von Sein und Zeit, wenn Heidegger aufzeigt, wie wir
notwendigerweise „zunächst und zumeist“ der Alltäglichkeit verfallen und uns
mit „Gerede“, mit „vulgären“ Auffassungen das Befremdende unserer Existenz vom
Leibe halten.10 Eine tiefer gehende Konfrontation mit ihr ist – und das ist das Bemerkenswerte
– nicht irgendwelchen philosophischen Höhenflügen vorbehalten, sondern kann
jeden von uns jederzeit betreffen. Zustände der Furcht, der Langeweile, der
Schlaflosigkeit z. B. sind hervorragende Gelegenheiten, um uns unserem Sein im
Ganzen zu konfrontieren.
Was in Sein und Zeit keine Erwähnung
findet, ist die Begegnung mit Kunst (im weitesten Sinne des Wortes), die auf
ihre spezifische Weise ebenfalls für eine über das alltägliche Vorverständnis
hinausführende Erfahrung von Raum, Zeit und Existenz sorgen kann. Auch wenn
eine verbindliche Definition unmöglich ist, kann man doch sagen, dass Kunst
immer (auch) eine Selbstverständigung des Menschen über sich selbst ist. „Mit
dem Begriff der Selbstverständigung kann man den Wert der Kunst folgendermaßen
erläutern: Der Wert der Kunst besteht darin, dass sie für uns besondere Aspekte
der Welt, in der wir leben, und unserer selbst, verständlich macht.“11 Die grundlegenden Aspekte des
„In-der-Welt-Seins“ aber sind Zeit, Raum und Existenz. Die Kunst hat immer
schon über diese Themen gehandelt – meist unausdrücklich und eingebettet in bestimmte
weltanschauliche Zusammenhänge. Um ein beliebiges Beispiel zu nennen: Ein
mittelalterliches Altarbild, das „Jüngste Gericht“ zeigend, bringt eindringlich
Zeit (irdische Zeit und Ewigkeit), Raum (die Topographie von Diesseits und
Jenseits, von Erde, Himmel und Hölle) und Existenz (zugespitzt als ewige
Seligkeit oder Verdammnis) zur Anschauung.
Die Kunst der Moderne, insbesondere die
gegenstandslose Kunst, hat die Themen Zeit, Raum und Existenz zunehmend aus
vorgegebenen narrativen (mythologischen, religiösen, politischen usw.)
Kontexten gelöst und sie damit immer expliziter zur Geltung bringen können.
Insbesondere in den diversen künstlerischen Strömungen nach dem Zweiten
Weltkrieg wurde „Grundlagenforschung“ zum Thema Kunst getrieben. Die Fragen, wie
sich Raum erleben und strukturieren lässt, welche formalen Lösungen für die
Dokumentation zeitlicher Abläufe zu finden sind, wie sich Kunst als Nachweis
individueller Existenz verwenden lässt, gehören zu den typischen
Themenstellungen der Kunst der 60er und 70er Jahre. Daran gerade heute
anzuknüpfen, zu einer Zeit, in der immer wieder die zunehmende
Kommerzialisierung und, damit einhergehend, Verflachung der Kunst zu einer
marktgängigen, stromlinienförmigen Kunstbetriebskunst beklagt wird, erschien
uns überaus wichtig. An die basalen Fragen der Kunst zu erinnern ist ein
Hauptanliegen von Personal Structures: Time . Space . Existence, freilich nicht im Sinne einer Rückkehr zu
Diskussionen vergangener Jahrzehnte (das wäre sinnlos und von vornherein zum
Scheitern verurteilt), sondern als eine Plattform, auf der diese Fragen weiter
diskutiert und von der aus womöglich neue Antworten gesucht werden können.
V.
Die Wichtigkeit der künstlerischen Auseinandersetzung
mit den hier behandelten Themen gerade in der heutigen Situation von Kunst und
Gesellschaft scheint mir auf der Hand zu liegen. Als Beispiel sei hier nur auf
einige Aspekte des Themas „Raum“ hingewiesen. Es ist zweifellos kein Zufall,
dass die Zahl der Publikationen zur Theorie des Raumes in den letzten Jahren
dramatisch angewachsen ist. Es ist unübersehbar, dass sich unsere Lebensräume,
die natürlichen wie die kulturellen, die ländlichen wie die städtischen, in
schnellem Tempo wandeln. Ökologische Veränderungen, die Auswirkungen der
globalisierten Wirtschaft und die weltweite Verbreitung der Medien- und
Telekommunikationstechnologien sind nur die offensichtlichsten Gründe für
diesen Prozess. Dass die Utopie der ZERO-Künstler von einer Versöhnung zwischen
Natur und Technik sich nicht einfach als Wunschdenken vom Tisch wischen lässt,
sondern dass sie endlich nach einer praktikablen Umsetzung verlangt, wird
angesichts des weltweiten Klimawandels immer dringlicher. Das Verhältnis
zwischen Öffentlichkeit und Privatheit hat sich im Zeitalter der
technologischen Massenmedien völlig verschoben. Künstlerische Vorschläge für
einen neuen Umgang mit dem öffentlichen Raum, wie sie etwa Dan Graham oder Vito
Acconci mit ihren sehr unterschiedlichen, zwischen Kunst und Architektur
changierenden Arbeiten machen, können dabei helfen, das Konzept „public space“
neu zu denken. Wo Raum und Räume rigoros allen Arten von Überwachungs-,
Planungs- und Verwertungsinteressen unterworfen werden, sind künstlerische
Freiräume als Gegenentwürfe unverzichtbar. So stellen etwa die Skulpturen von
Lee Ufan Modelle einer offenen und unvoreingenommenen Begegnung mit dem Anderen
vor. Vor dem Hintergrund, dass die Omnipräsenz der massenmedialen Ästhetik
eine Überformung unserer Wahrnehmung zu bewirken droht, entwickeln die
Wachsräume eines Wolfgang Laib einen geradezu therapeutischen Effekt, indem sie
den Besucher nachhaltig mit den ursprünglichsten existenziellen Gegebenheiten
wie Geburt und Tod konfrontieren. Diese Beispiele sollen genügen. Sie ließen
sich mit anderen Künstlernamen und anhand der Themen Zeit und Existenz mühelos
weiterführen.
VI.
Das Projekt Personal
Structures hat eine längere
Vorgeschichte. Von dem niederländischen Künstler Rene Rietmeyer initiiert und
von mir konzeptuell begleitet, trat es 2003 mit dem Buch Personal Structures – Works and Dialogues12 zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung. In jener
Publikation wurden 16 Künstler aus 11 Ländern vorgestellt, die alle mit mehr
oder minder „minimalen“ formalen Mitteln arbeiten. Im Mittelpunkt stand die
Frage, wie persönliche, subjektive Anteile sich auch in „minimalistischen“
Strukturen zeigen können. Der bewusst widersprüchliche Titel Personal Structures verbindet das Über- oder Unpersönliche, wodurch
Strukturen definiert sind, mit dem Anteil an Persönlichkeit und Subjektivität, der
den Kunstwerken, die wir präsentierten, innewohnt. Ein offensichtlicher
Unterschied des vorliegenden Buchs gegenüber dem ersten Personal Structures-Projekt zeigt sich bei der Auswahl der beteiligten
Künstler. Ausgangspunkt war eine Aussage des österreichischen Kunsthistorikers
Johannes Meinhardt, die ich bereits im ersten Buch zustimmend zitiert hatte.
Sie lautet: „Malerei“ - und hier setze ich „zeitgenössische Kunst“ allgemein
ein -, „die ihre eigene Geschichte nicht vergessen hat und Geschichte nicht nur
als wieder verwertbare Ansammlung […] versteht, gründet sich auch heute auf die
großen Neueinsätze der 60er Jahre“.13 Im ersten Buch von 2003 waren nur
Künstler beteiligt, die an die Neueinsätze der 60er-Jahre anknüpften. In Zusammenhang
mit dem zweiten Buch war die Frage nun: Was ist mit den 60er-Jahre Künstlern
selbst? Und nicht nur mit ihnen, wie steht es etwa mit den ZERO-Künstlern, die
schon in den 50er-Jahren vieles von dem vorweggenommen haben, was dann später
als Happening, Land Art usw. bekannt geworden ist, oder mit den
Performance-Künstlern der 70er Jahre? Die allermeisten sind ja noch höchst
aktiv, haben ihre Kunst in den vergangenen 40 Jahren weiterentwickelt,
ausdifferenziert, zum Teil in andere Richtungen getrieben, zum Teil revidiert (um
nur zwei Beispiele zu nennen: Die Malerin Jo Baer wechselte Mitte der
70er-Jahre vom Minimalismus zur Figuration, und der frühere Performance- und
Videokünstler Vito Acconci befasst sich seit den 80er Jahren mit Architektur).
Bei der Überlegung, wie das Projekt Personal
Structures sich
weiterentwickeln könnte, schien es uns logisch und folgerichtig, von dem
riesigen Erfahrungsschatz dieser älteren Künstlergenerationen zu lernen. Wir
wollten aus erster Hand erfahren, wie Künstler, die bereits Kunstgeschichte
geschrieben und die Definition dessen, was als Kunst zu gelten hat,
entscheidend erweitert haben, heute über die Basisthemen Zeit, Raum und
Existenz denken. Bei der Auswahl der Künstler schien es uns nicht sinnvoll,
brav den kunsthistorischen Trampelpfaden zu folgen, es ging uns um die
einzelnen Persönlichkeiten, nicht um Stil-, Gattungs- oder
Gruppenzugehörigkeiten.
Jedoch sollte dieses Buch auch nicht bloß
durchgesetzte Positionen präsentieren. Gerade die Kombination mit jungen
Künstlern schien uns reizvoll, ebenso mit Wiederentdeckungen wie etwa dem Werk
von Erwin Thorn. Wir wollten eine möglichst große Diversität an
Persönlichkeiten, Ansichten, Perspektiven zeigen, die sich aus
unterschiedlichen kulturellen und persönlichen Hintergründen, aber auch aus
verschiedenen Lebensaltern ergeben (der jüngste Künstler in diesem Buch, Xing
Xin, ist zu diesem Zeitpunkt 28, die älteste Künstlerin, Louise Bourgeois, 97
Jahre alt).
VII.
Im Anschluss an einen Vortrag, den ich am 17.
Dezember 2008 im Skulpturenpark Köln über das Projekt Time . Space . Existence gehalten habe, fragte mich ein
befreundeter Galerist, ob wir für unsere Gespräche mit den beteiligten
Künstlern einen standardisierten Fragebogen benutzten und ob es am Ende eine
statistische Auswertung der Antworten gebe. Ich war zunächst sprachlos, weil in
dieser Frage das genaue Gegenteil dessen aufschien, worum es uns zu tun ist.
Der Focus dieses Buchs liegt auf dem Individuellen, dem Persönlichen, der
„Jemeinigkeit“ der Lebenserfahrungen und der damit verbundenen Ansichten über
Zeit, Raum und Existenz. Vom Individuellen aber gibt es keine Wissenschaft, wie
schon Aristoteles wusste.14 Daher sollte dieses Buch keine wissenschaftliche
Abhandlung werden, kein Theoriebuch, kein kunsthistorischer Abriss, kein Beweis
für irgendwelche Thesen, nichts statistisch Auswertbares. Zeit, Raum und
Existenz haben unmittelbar mit dem Leben zu tun. Daher wollten wir, dass diese
Themen auf lebendige Art diskutiert werden, in einer Weise, die für Aspekte
offen ist, für Interpretation und Theorie ebenso wie für Anekdotisches, für
Polemik und Humor, Philosophie und Lebensweisheit. Was uns vorschwebte, war,
kurz gesagt, ein „Buch der Begegnungen“. Das Konzept der Begegnung (encounter),
das der Künstler Lee Ufan ins Zentrum seiner künstlerischen Existenz gestellt
hat15,
schien uns das zentrale Stichwort für unser Buch zu liefern, weil sich in der
Begegnung Raum, Zeit und Existenz treffen und gewissermaßen bündeln. Die beiden
wichtigsten Medien unseres Projekts, Symposium und Interview, sind nicht
zufällig Medien der Begegnung.
Zeit, Raum und Existenz sind unvermeidlich im Spiel,
wenn sich Menschen begegnen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Solch eine
Begegnung mit einem Künstler, einer Künstlerin geschieht an einem bestimmten
Ort, zu einer bestimmten Zeit und unter nicht vollständig vorhersehbaren und
nicht vollständig wiederholbaren Bedingungen. Interview- und Symposiumstexte
sowie Fotografien sind die bleibende Dokumentation dessen, was sich bei einem
solchen Ereignis abspielt. Ihr besonderer Wert liegt in der Einmaligkeit jeder
Begegnung. Daher lag uns nichts an einer Vereinheitlichung der einzelnen
Beiträge. Sie sollten individuell sein, „gefärbt“ durch die Besonderheiten
jedes einzelnen Zusammentreffens; das fängt bereits mit der höchst
unterschiedliche Länge der Texte und Interviews an. Umfang ist kein Kriterium
für Wertigkeit. Die kurzen Sätze von Carl Andre („short but sweet“, wie er es
nannte) als Antworten auf meine mir ausnahmsweise gewährten Interviewfragen
haben in diesem Buch dasselbe Gewicht wie die langen Ausführungen eines
Toshikatsu Endo.
VIII.
Man kann nicht von
Begegnungen als Verdichtung von Zeit, Raum und Existenz reden, ohne ein Wort
über die Sprache und die Sprachen zu verlieren. Wie wir Begriffe bilden, wie wir
denken, wahrnehmen, fühlen, hat ganz wesentlich mit der Sprache zu tun, die uns
zur Verfügung steht. In diesem Buch sind Menschen aus unterschiedlichen Sprach-
und Kulturkreisen vertreten. Alle Texte erscheinen hier in Englisch, der
Hauptsprache der globalisierten Welt und auch des Kunstbetriebs. Mehrere Texte
erscheinen zudem in der Originalsprache. Unvermeidlich kommt hier das Problem
der Übersetzung ins Spiel. Im Grunde ist schon die Übertragung eines Gesprächs
in geschriebene Sprache ein Übersetzungsakt. Selbstverständlich mussten die
Texte redigiert werden, jedoch stünde es einem Buch mit dem Titel Personal Structures: Time . Space . Existence schlecht zu Gesicht, wenn es die darin versammelten Texte
auf ein Reden unter „Laborbedingungen“ herunterredigiert hätte. Ein unter dem
Stress der Biennale-Eröffnung gehaltenes Interview wie das von Teresa Margolles
mit Karlyn De Jongh hat notwendigerweise einen anderen Charakter als ein in
aller Ruhe geführtes langes Gespräch wie etwa das von Gottfried Honegger mit
Sarah Gold. Wer in seiner Muttersprache spricht, drückt sich anders aus als
jemand, der in einer Fremdsprache kommuniziert. All das ist Teil menschlicher
Kommunikation als solcher zu akzeptieren. Es ist zu hoffen, dass man aus allen
Texten, auch durch die Übersetzungen hindurch, das Besondere und Einmalige der
jeweiligen Begegnungen herausspürt.
Insbesondere meine
Interviews mit Lee Ufan haben mich gelehrt, dass man Begriffe nicht immer eins
zu eins in andere Sprachen übersetzen kann. Nicht nur die drei Grundthemen
dieses Buchs, auch scheinbar selbstverständliche Begriffe wie der des Körpers
sind in Europa und Asien mit jeweils sehr unterschiedlichen Sprach- und
Denktraditionen geladen. Dass das manchmal zu gegenseitigem Missverstehen
führt, ist nicht verwunderlich, aber auch nicht zu bedauern, ist es doch nur
ein weiterer Ansporn den Dialog fortzusetzen.
IX.
Ich habe dieses Buch ein „Buch der Begegnungen“ genannt. Dies gilt nicht
nur für alle, die an seiner Entstehung beteiligt waren, es gilt hoffentlich vor
allem für die Leser, die hier in Texten und Fotografien zahlreichen Künstlern
und Kunstwerken begegnen können. Die vielen Einzeltexte können in beliebiger
Reihenfolge gelesen werden. Es ist zu hoffen, dass sich dabei ein Effekt
einstellt, wie man ihn von Ausstellungen kennt, in denen Werke aus
unterschiedlichen Gegenden und Epochen nebeneinander präsentiert werden. Neue
Nachbarschaften können bislang noch unbemerkte Eigenschaften eines Werks zum
Vorschein bringen. Dass etwas Vergleichbares beim Lesen dieses Buches
geschieht, dass Neues auch im Bekannten und Vertrautes im Unbekannten aufblitzt
und sich viele rote Fäden unerwarteter Korrespondenzen entdecken lassen, ist
die Hoffnung, mit der ich meinen Teil der Arbeit an diesem Buch abschließe.
Allen, die dazu beigetragen haben es zu realisieren, insbesondere Rene
Rietmeyer als dem „Motor“ dieses Projekts, gilt mein tief empfundener Dank.
1Martin Heidegger, Sein und Zeit. Sechzehnte
Auflage, Tübingen 1986, S. 12.
2 Ebd., , S. 17.
3 Martin Heidegger, Der
Begriff der Zeit. Vortrag vor der Marburger Theologenschaft, Juli 1927, Tübingen 1989,
S. 26.
4 Ebd., S. 24.
5 Peter Sloterdijk, Sphären I.
Blasen, Frankfurt a. M. 1996, S. 336.
6 Peter Sloterdijk, Sphären I
– Blasen, Mikrosphärologie, Frankfurt a. M. 1998; Sphären II – Globen, Makrosphärologie, Frankfurt a. M.
1999; Sphären III – Schäume, Plurale Sphärologie, Frankfurt a. M.
2004.
7 Sein und Zeit, S. 111.
8 Vgl. z. B. Peter
Sloterdijk, Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt a. M.
1988.
9 Peter Sloterdijk,
Sphären III. Schäume, Frankfurt a. M. 2004, S. 24.
10 Sein und Zeit, §§ 35-38.
11 Georg W. Bertram, Kunst.
Eine philosophische Einführung, Stuttgart 2007, S. 45.
12 Peter Lodermeyer,
Personal Structures. Works and Dialogues, New York 2003.
13
Johannes Meinhardt, Ende der
Malerei und Malerei nach dem Ende der Malerei, Ostfildern-Ruit 1997, S. 9.
14 Aristoteles, Met.
III, 1003a.
15 Lee Ufan, The Art of Encounter, London 2004.
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